Zuckerschichten knacken

In der Grundschule in Amerika hatte ich „a best friend“, ein sehr energievolles, kreatives, starkes Mädchen. In unserem Bastelkeller konnten wir stundenlang werkeln — und entwickelten dabei (vor über 20 Jahren) die ersten Mobiltelefon-Prototypen:

Das Handy aus dem Bastelkeller

Ein cooles Paar Kiddos also.

Dann wurden wir älter, ich zog mit meiner Familie zurück nach Deutschland, wir schrieben uns noch ein paar Briefe und dann keine mehr. Realität.

Heute

Kürzlich habe ich diese Freundin gegoogelt. Sie ist immer noch kreativ, animiert jetzt Werbefilme in San Francisco. Und sie hat eine eigene Website — auf der ich sie überhaupt nicht erkannt habe.

Nicht weil sie sich optisch verändert hätte, im Gegenteil, ich hätte sie vermutlich sogar auf der Straße wiedererkannt.

Sondern weil auf dieser Website, trotz persönlicher Arbeiten und Bilder, NICHTS von ihr durchschien. Also nichts, was sie als Mensch mit Ideen und Schwung und Zweifeln an und Vorstellungen von der Welt gezeigt hätte.

Stattdessen: Eine kühle, gestellte, abweisende bla-bla-beruflich-Seite. Ein Bild von ihr, auf dem sie mit strengem Blick und fest verschlossenen Lippen nach links schaut, weg vom Leser und weg von der Zukunft — aber irgendwie „cool“. Ein förmlicher Über-Mich-Text in der dritten Person. Sonst kaum Texte, keine Einladung zum Austausch, keine Position.

Ich finde sie nirgendwo in dieser Seite. Außer in ihrem angestrengten Bemühen, mysteriös und spannend zu sein, das hatte sie als Grundschülerin bereits. Aber ich war davon ausgegangen, dass sich so etwas verwächst.

Offensichtlich! Nicht.

Was tun wir da?

Bauen wir alle unsere Websites so, dass unsere grundschulischen Unsicherheiten durchscheinen? To please? To be safe?

Dann haben wir eine größere Aufgabe vor uns, als wir angenommen hatten.

Das ist eine Zuckerschicht.

Diese Schicht, die meine Grundschulfreundin da über sich und ihre Seite gegossen hat, ist eine Zuckerschicht. Ein Bild von sich, mit dem sie ganz gut leben und hinter dem sie sich verstecken kann.

Eine hübsche, süße Schicht von akzeptierten, gängigen Vorgehensweisen, unter denen ihre Website erstarrt.

Zucker riecht — nach gar nichts.

Entscheidung für echt und gegen Glukose

Ob deine Website eine lebendige, saftige Seite ist, auf der man dich riechen kann, hat nichts damit zu tun, wie viel sie gekostet hat, oder wer sie designt hat, oder ob sie überhaupt gestaltet wurde.

Ob man dich auf deiner Website riechen kann, hat einzig und allein damit zu tun, ob du dich auf deiner Seite lebendig und präsent und unperfekt zeigen willst.

Und diese Entscheidung? Kann dir kein Web-Designer abnehmen. Da musst du selber ran.

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