Warum ich nie wieder netzwerken werde.

Wenn ich „netzwerken“ soll, werde ich komisch.

Dann verhaspele ich mich oder mir fällt plötzlich nichts ein, was ich sagen könnte, oder ich verschluck mich an einem Kirschtomätchen und möchte eigentlich nur ganz schnell nach Hause und habe überhaupt kein Interesse an weiteren Visitenkarten und Vorstellungsrunden.

Wenn ich dagegen „neue Menschen kennenlerne“, fühle ich mich ganz wohl.

Ich erfahre, was für Entscheidungen jemand in seinem Leben getroffen hat, die ihn an den Punkt gebracht haben, an dem er heute ist. Ich höre, was für Sorgen jemand in Bezug auf seine Website hat. Ich sehe, was Menschen suchen und was sie antreibt, was sie mit ihren Wörtern sagen und was ihre Körpersprache dem entgegensetzt, und das ist spannend.

Ich war auf vielen sogenannten Netzwerkveranstaltungen in letzter Zeit, auf Kongressen und Unternehmerinnentreffen und Vorträgen und habe selber Vorträge gehalten. Bei einigen Veranstaltungen bin ich mit am längsten geblieben — weil es so viele Geschichten gab, die ich hören wollte.

Aus diesen Gesprächen ergibt sich bestimmt die eine oder andere geschäftliche Idee oder Zusammenarbeit. In erster Linie aber habe ich Menschen kennengelernt, und nicht Menschen nach ihrem potentiellen Nutzen für mich einsortiert.

Ist das die klassische Netzwerker-Herangehensweise? Nö.

„Bringt“ mir das was, wenn ich den halben Abend über mit einer älteren Dame mit großer Brille und funkelnden Augen spreche, die keine Website hat und keine braucht, aber Shanghai schon vor 40 Jahren gesehen hat und als eine der ersten Deutschen in Stanford Psychosomatik studiert hat und danach trotzdem nicht Ärztin wurde, sondern in die Modebranche wechselte? Nö.

Muss einem alles immer sofort etwas bringen? Mit Sicherheit nicht.

Ich werde nicht mehr netzwerken.

Ich will Gespräche führen und funkelnde Augen sehen. Ich will mit denjenigen sprechen, zu denen ich einen Bezug spüre — weil sie so nett lächeln, weil sie eine tolle Brosche tragen, weil sie aus meiner Stadt kommen, weil sie ganz andere Dinge erlebt haben als ich — und nicht mit denjenigen, die strategisch sinnvoll wären.

Wenn sich das deckt (und das ist in wunderbar vielen Fällen so!), ist das noch besser und ein großes Glück.

Wenn nicht: Dann habe ich lieber einen Abend lang mit sympathischen Menschen geredet, als dass ich meine Visitenkarte in möglichst vielen Hemdtaschen verschwinden sehe.

Das ist meine neue Herangehensweise — immer mit dem Bauch voran.

Das kann man natürlich auch völlig anders machen, und strategisch denken ist nie wirklich verkehrt, aber: Nur weil Netzwerk drauf steht, muss man sich nicht anders benehmen als normal.




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