Konferenz zur Förderung einer seltenen Spezies

Dieses Wochenende war ich in Berlin auf einer Tagung der bundesweiten Gründerinnenagentur (bga), einer Art Thinktank für die Förderung von Gründerinnen. Unter anderem koordiniert die bga ein großes Netz von Beratungsstellen und sammelt harte Daten und Fakten zur aktuellen Situation von weiblichen Selbständigen.

Deine Bubbel existiert nicht

Dieses Zahlenmaterial ist überwiegend recht aufrüttelnd. Natürlich ist mir klar, dass mein Umfeld (das zu gefühlten 80 % aus Selbständigen besteht) nicht repräsentativ ist. Aber dass nur 12 % der deutschen Erwerbstätigen selbständig sind, hat mich etwas erschrocken. Unter Frauen sind es noch weniger: nur 7,5 % der erwerbstätigen Frauen sind selbständig.

Da fühlt man sich plötzlich — ein bisschen wie ein Alien. Auf einer Konferenz zur Förderung dieser Aliens.

Wir sind Exoten

Gut, dann sind wir also Exoten. Aber (und das war eine der schönen Erkenntnisse dieses Tages): Es gibt Leute, die für uns sprechen und für uns Lobby-Arbeit machen. Und zwar aufrichtig sprechen. So, dass ich ihnen abnehme, dass sie sich nicht nur aus Sorge um den zukünftigen Unternehmermangel um dieses brachliegende Potential kümmern — sondern dass es ihnen ein Anliegen ist, Gründerinnen zu unterstützen.

Zum Beispiel sagte der Gastgeber der Tagung, Dr. Alexander Schumann, in seiner Begrüßung den schönen Satz: „Das Haus der Deutschen Wirtschaft [in dem die Tagung stattfand] ist auch Ihr Haus, denn Sie sind Teil der deutschen Wirtschaft und sollen sich hier wohlfühlen.

Da musste ich eine Weile darüber nachdenken — ich? Teil der deutschen Wirtschaft? Eigentlich logisch: klar, bin ich ein (winziger) Teil davon. Aber selbstverständlich ist das nicht für mich, und ich vermute, dass sich viele meiner Mit-Gründerinnen und Mit-Selbständigen noch weniger gemeint fühlen, wenn von Wirtschaft die Rede ist.

Umso größer ist die Bedeutung beispielsweise der bga, die solche Veranstaltungen und die damit verknüpfte Sichtbarkeit organisiert.

Das Leben macht was mit einem

Trotzdem haben mich am stärksten die anderen Unternehmerinnen beeindruckt. Denn: wir können auch ganz gut für uns selber sprechen.

Wie Silke und Sonja von NIESOLO, einer Plattform, die gründenden Müttern hilft, Geschäftspartner zu finden. Carolin und Katja von she-works , einem neuen online Magazin, das Informationen für Gründerinnen bündeln wird. Ilka und Anja, die eine Konferenz zur Zukunft gründender Frauen in Ost und West organisieren. Usw.

Das Wertvollste an diesen Begegnungen? Die persönlichen Geschichten. Es steckt so viel gelebtes Leben in jeder sogenannten „Erwerbsbiografie“, jede hat ihre Erfahrungen und Blickwinkel und viele teilen sie gern.

Ich stelle wieder einmal fest: es gibt keine geraden Lebensläufe und keine Entwicklung ist so glatt, wie man sich das von außen denkt. Überall haben die sentimentalen Ebenen ein Wörtchen mitzureden, die Kinder kommen und die Männer gehen und dann andersrum und alles macht was mit einem, man arbeitet mit Freunden und wieder alleine, mit Chefs und ohne, probiert Neues und wünscht sich in's Alte, sagt es sei so-und-so, dabei fühlt man sich schon ganz anders.

Den Rahmen sehen

Diese persönlichen Geschichten sind für sich schon packend, weil: Menschen die von ihrem Menschsein erzählen.

Dabei sind die Anworten auf Fragen wie „Ziehst du mit mir nach Hamburg, wenn ich dort den Job bekomme?“ oder „Wer von uns bleibt denn nun am Nachmittag bei den Kindern?“ nicht nur individuelle Entscheidungen, sondern auch das Ergebnis politischer und gesellschaftlicher Tatsachen.

Oder, wie es eine Teilnehmerin formulierte: „Die strukturellen Schwächen werden ausgelagert zu den Paaren, in die Beziehungen, und das ist hart.“

Kaum eine Entscheidung, und fühlt sie sich noch so privat und lebendig an, ist demnach wirklich individuell, sondern wird von zig Rahmenbedingungen gezogen oder geschwächt. Diesen Gedanken mag ich nicht, aber ich muss ihn akzeptieren, um dazu beitragen zu können, die Schwächen dieser Rahmenbedingungen zu beheben.

Muss das alles sein?

Ja, es braucht solche Tagungen. Ja, es braucht diese „Frauen-Biotope“. Wir Gründerinnen und Unternehmerinnen brauchen Fürsprecher und Mitdenker, damit wir in dem unterstützt werden, was wir da leisten, denn wir können nicht alles selber machen.

Was für mich erstaunliche Erkenntnisse sind, ich grundlegend-alles-am-liebsten-selbermachender-Mensch — aber ich begreife langsam, dass wir in Systemen leben. Die wir gestalten können.

Was es außerdem braucht: starke Gemeinschaften von Gründerinnen. Wir müssen für uns gegenseitig sichtbarer werden, wir müssen füreinander rausgehen und uns zeigen, dass das mit der Selbständigkeit geht und wie es gehen kann. Präsent werden und eine Sprache finden für unser Tun.

Und wir müssen öfter mal hingehen und dabei sein. Bei Konferenzen und Lesungen, auf Bühnen, in Clubs, Diskussionsrunden und Salons. Denn, wie mein Freund Markus am Abend sagte: „Manchmal muss man einfach dabei sein, um dabei zu sein.“




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