Drei Namen für eine Person

Ich kenne einen, der hat drei Namen. Einen für seine Lyrik und die Veranstaltungen, die er im literarischen Bereich organisiert, einen als DJ für Clubnächte und seinen bürgerlichen Namen, unter dem er wissenschaftlich arbeitet. (Jeder Name hat seine eigene E-Mail-Adresse.)

Ich schreibe auch Lyrik. Ich veröffentliche sie allerdings auf einer Website, die meinen wirklichen Namen trägt. Ich betreibe außerdem eine Seite, auf der ich Menschen helfe, selber Websites zu bauen – die läuft zwar unter einem Projektnamen, aber eng mit meinem Namen und meiner Person verknüpft.

Um seine Dreispaltung beneide ich diesen Jungen – was für eine köstliche Freiheit hinter jeder dieser Identitäten stecken muss! Dichten und nur an Gedichte denken. Auflegen im eigenen Kosmos. Forschen und publizieren als wäre es das Einzige, was man tut.

Ich bin immer die eine.

Das Internet verwischt die Grenzen zwischen meinen Aktivitäten, mit einem Klick sieht jeder, was ich noch mache. Ich kann daher nicht überlegen, als welche Person ich was sage, denn alles, was ich veröffentliche, trägt meine Unterschrift.

Das macht es für mich umso relevanter, dass ich die Dinge, die ich schreibe, an den „richtigen” Ort platziere, denn diese Orte dienen als Behälter für verschiedene Facetten meiner Arbeit und um jeweils den Zugang dazu zu erleichtern.

Sobald ich einen Schreib-Impuls spüre, spüre ich also gleichzeitig den Druck, mich entscheiden zu müssen, wo ich das veröffentliche und wen ich damit erreichen will.

Kommt dieser Text auf meine private Seite, auf den Die-gute-Website-Blog, mache ich einen Brief oder einen Gastartikel oder beides daraus, oder ist es eigentlich ein Gedicht? Schreibe ich diese Zeile, um zu helfen, zu erzählen, um ein Produkt zu verkaufen, um jemanden zu entrücken? Was darf ich wo?

Um mit diesem Druck umzugehen, versuche ich mir Pläne zurechtzulegen und Blog-Themen im Voraus für ein ganzes Jahr zu notieren und mir klare Auf- und Vorgaben für die einzelnen Orte zu definieren.

Das funktioniert nicht gut.

Nie finde ich feste Antworten – und Redaktionsplan reimt sich bei mir auf Schreibblockade.

Ich habe so vieles, was ich dir erzählen und zeigen und wovon ich dir berichten und was ich dich fragen will – aber sobald ich ansetze, stolpere ich über meinen eigenen Kopf und die Frage nach dem Wohin.

Heute morgen las ich ein Interview mit dem Dichter und Politiker Pablo Neruda, in dem er seine Wahlkampagne beschrieb und dass er auf den dazugehörigen Veranstaltungen jedes Mal auch aus seinen Gedichten lese. Neruda trennte überhaupt nichts, er schrieb immer und überall, machte immer und überall Politik, Schreiben und Leben und Atmen war eins. Ein Satz aus diesem Interview fiel mir polternd vor die Füße: I don’t overwork the political or economic aspects because people also need another kind of language.

People also need another kind of language.

Menschen brauchen auch eine andere Art von Sprache, nicht nur die politische oder ökonomische oder strukturierte.

Für mich übersetze ich das mit: Menschen brauchen nicht nur die quietschige Sprache der Geldmachblogger, nicht nur die ausgelutschten Mach-dein-Ding-Mantras, nicht nur technische Anleitungen, um sich irgendwas neu aufzusetzen.

Ich übersetze es mit: In diesem ganzen Website-Blog-Internet-Gedöns wird auch die Stimme einer Lyrikerin, die mal Goldschmiedin war, gebraucht.

Und wenn es nur eine Person ist, die sie braucht, der ich damit den Mut gebe, ihren eigenen komischen Blickwinkel auf die Welt öffentlich zu machen.

Ich muss nicht so stark trennen und mir Sorgen über den richtigen Ort machen. Ich sollte mich mehr darüber sorgen, ob ich mich überhaupt zu Wort kommen lasse. Ob ich aufmache.

Das ist das Einzige, was für mich funktioniert: Aufmachen.

Egal wo und in welchem Format ich grad schreibe.

Ich will alles zu mir zurückführen können. Deshalb will ich auch nur den einen Namen, und das eine Schreiben soll dem anderen Schreiben in die Augen schauen können.

Ich schreibe das zum einen als Erinnerung für mich selber, wenn ich mal wieder strauchle und wochenlang keinen Brief formuliert bekomme. Weil ich versuche, mich an ein Kopfkonzept zu halten, das ich mir aufgestellt habe, und nicht zulasse, dass ich in mich hineinhorche und höre, was ich zu erzählen habe.

Und ich schreibe es dir, weil auch du vermutlich Facetten an dir hast, denen du ein Alter Ego wünschst. Die unter einer eigenen und widerspruchsfreien Identität doch bestimmt aufblühen würden!

Aber vielleicht brauchst du keine drei Namen. Vielleicht würdest du dann versehentlich genau das rauspolieren und wegeditieren, was dich so interessant macht.

Vielleicht dürfen deine Facetten einen gemeinsamen Namen behalten und mit einfließen, in alles, was du tust, und deine Arbeit dabei bereichern und vertiefen.




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