Machst du mir mal ganz leidenschaftlich eine Schorle?

Der folgende Satz wäre für 99% der Weltbevölkerung normal, aber mit den Händen einer Online Unternehmerin getippt klingt er wie ein Geständnis:

Die Arbeit, von der ich lebe, habe ich nicht aus Leidenschaft begonnen, und ich mache sie nicht aus Leidenschaft.

Ich bin Goldschmiedin. Ich habe Handwerk und Kunst im Sinn und im Blut.

Aber ich wollte Geld verdienen, denn ich wollte – dringender als alles andere – unabhängig sein. Und da goldschmiedische Fähigkeiten sich auf die Schnelle nicht so gut in Unabhängigkeit übersetzen lassen, habe ich gelernt, meine Design- und Kommunikationsfähigkeiten im Internet einzusetzen. (Achtung: Verkürzung! Hier die ganze Geschichte.)

Das mache ich neun Jahre später immer noch. Ich tue diese Arbeit mit Freude und Sorgfalt, und es ist mir unglaublich wichtig, dass du die Seite bekommst, die dich vertritt und dich erfolgreich macht.

Ich kämpfe leidenschaftlich, mit meinen Mitteln, mit dir, für deine Unabhängigkeit. Denn für die Freiheit habe ich immer Leidenschaft. Wie auch für meine Freunde und Familie, für's Wandern und für gute Bücher, und für meine Kaulquappen.

Aber ich hege keine tiefen, alles überwältigenden, emotionalen Impulse für das Bauen von Websites, und ich bin auch ganz froh drum.

Ich erwarte nicht, dass zum Beispiel mein Schneider leidenschaftlich näht. Ich erwarte, dass er es geschickt tut, und ich wünsche ihm, dass er es mit Freude tun kann. Aber ich brauche keine Leidenschaft in meinem neuen Reißverschluss. So wie du auch keine Leidenschaft in deiner neuen Website brauchst.

Warum erwartet dann eine komplette (online) Kultur von uns Selbständigen, dass wir nur das tun, was unsere Leidenschaft uns vorgibt?

Das ist infantil und undifferenziert. Was ist mit denen, die nicht genau spüren, was ihre Leidenschaft ist? Oder eine Leidenschaft haben, die sich nicht gut zur Erwerbsarbeit ummünzen lässt? Oder keine haben? Oder zu viele? Sind die zu einem einfach nicht ganz so erfüllten Leben verdammt?

Was ist mit denen, die einen Teil ihrer Arbeit nicht so leidenschaftlich lieben wie andere Teile? Sind das Versager? Was ist mit denen, die handwerkliche Zufriedenheit dem Rausch der Leidenschaft vorziehen? Was ist mit denen, die nicht die Wahl haben, ihrer Leidenschaft nachzugehen, weil sie zum Beispiel jemanden pflegen? Können die nie gut und glücklich in irgendwas werden?

So ein riesengroßer Käse.

Diese ganze Leidenschaftsduselei ist außerdem eine praktische Möglichkeit, dem Gespräch über das Geld und das Genug-Verdienen und das Überhaupt-Verdienen auszuweichen.

Es ist ok, Geld verdienen zu wollen. Es ist noch viel ok-er, unabhängig sein zu wollen, und es ist sinnvoll, auf eine Art Geld zu machen, die anderen hilft und zu dir und deinen Werten passt und an der du wächst.

Du brauchst nicht noch ein Leidenschaftskrönchen, um dieser Haltung einen Wert zu geben. Du bist eine erwachsene Person, und du musst deine Arbeitswahl nicht mit der Begründung „Leidenschaft!“ rechtfertigen.

Denn deine Entscheidungen? Gehören dir. Das sage ich dir VOLLER INBRUNST.


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