Das Internet ist mein Dünger

Diese Fragen entstammen einer Blogparade der SPD. Wie andere Teilnehmerinnen auch, bin ich in keiner Partei, finde die Idee trotzdem gut und hätte auch geantwortet, wenn eine andere Partei diese Fragen gestellt hätte. Weil das schon ganz schön wichtige Fragen sind.

In einer digitalen Welt zu leben, bedeutet für mich …

Dass ich, völlig unabhängig davon, wer ich bin und wie ich aufwachse, an den Gedankengängen und der Arbeit einer immensen Anzahl kluger und nachdenklicher Menschen lernen kann. Ich kann — muss geradezu — andauernd über meinen Tellerrand schauen, in all diese Leben, an denen ich lesend fernnah teilnehme. Immer wieder begreifen, dass andere etwas anders sehen und warum, immer wieder miterleben, wie andere sich weiterentwickeln und wachsen und warum. Das stellt mir Fragen und Aufgaben und so wachse ich mit.

Das Internet ist also mein Dünger, was natürlich Quatsch ist — andere Menschen, die bereit sind, ehrlich und reflektiert etwas in das Internet zu schreiben, sind mein Dünger.

Das zunehmend Digitale bedeutet für mich vor allem mehr Zugang zu ungefiltertem menschlichem Erleben. Stimmen, die ich sonst nicht hören würde. Genau deshalb ist der Schutz der Verletzlichkeit in einer digitalen Welt so zentral. Wenn sich keiner mehr traut, seine Stimme zu nutzen und sich und seine Gedanken unperfekt zu zeigen, verliert dieser Zugang schlagartig seinen Wert.

Außerdem bedeutet mir das Digitale: meine Lebensgrundlage. Wäre die Welt nicht so über Websites und Austausch strukturiert, wie sie es heute ist, hätte ich mir nicht den Job bauen können, von dem ich heute gerne lebe. Ich wäre wahrscheinlich nicht mal auf die Idee gekommen, dass ich mir in diesem Maß meine eigene Arbeit definieren kann.

Mein Computer ist für mich …

Ein Hauptwerkzeug meiner Arbeit. Mein Telefon ist bewusst nie mit dem Internet verknüpft, dient also nur dem Telefonieren. Tablet habe ich keins.

Dafür zwei Computer: in der Werkstatt einen über acht Jahre alten iMac mit einem riesigen Bildschirm und der schönen alten Tastatur. Der funktioniert immer noch. Dieser Computer heißt Philomena Ungewitter. Ich mag ihn sehr, ich fühle mich in ihm zu Hause. Da ist alles am richtigen Ort und ich kann mit Eleganz und Freude dank meiner gekonnten Tastaturkombinationen innerhalb dieses kleinen Universums swoosh, swoosh hin- und herfliegen.

Allerdings ist das immer mit etwas vorauseilendem Schwermut verknüpft, da ich mir nach diesem Rechner keinen Apple mehr kaufen werde. Ich werde komplett auf ein freies Betriebssystem wechseln, voller Freude über meinen Avantgardismus und dem Stolz, ein Vollkornbrot zu wählen und kein Ciabatta, und ich werde einiges vermissen.

Auf meinem zweiten Computer übe ich diese Freude am Richtigen bereits, das ist ein lärmendes kleines schwarzes Netbook-Arbeitstier namens Fauna-Franz Macon, auf dem ich Lubuntu installiert habe. Der läuft und läuft und hat einen dermaßen dreckigen Bildschirm, das mein Vater, als ich letzte Woche meine Eltern besuchte, sichtlich seinen Impuls unterdrückte, auf ein Taschentuch zu spucken und damit über den Bildschirm zu reiben.

Diese Geräte sind mein Werkzeug. Ich kenne sie mit den Fingerspitzen, jede kleine abgebrochene Gehäuse-Ecke, jede glattgetippte Taste, die warme Luft aus ihren Lüftern. Die komischen Geräusche, die sie manchmal machen.

Wirklich gut! Die größte Chance durch die Digitalisierung ist …

Dass wir mehr Zugang zu anderen und völlig anderen Menschen bekommen, zu ihren Ideen und Ansätzen und Erlebnissen. Dass ich an dem Leben auf einer Blumenfarm in New York genauso teilnehmen kann wie an dem Alltag einer Mutter von zwei besonders besonderen Kindern in Berlin. Dass wir damit unsere eigenen Überzeugungen immer wieder in Frage stellen können. Dass wir an Impulsen von Menschen, die wir niemals getroffen haben und vielleicht auch nie treffen werden, wachsen. Dass dieser Austausch an keine geografischen oder gesellschaftlichen Grenzen gebunden ist.

Bedrohlich! Wir müssen aufpassen, dass …

Genau dieser Austausch weiterhin stattfinden kann, allen geschäftlichen und geheimdienstlichen Krakenhänden zum Trotz.

Wir müssen aufpassen, dass die Verletzlichkeit im Internet gewährt werden kann. Dass wir online Fehler machen können, die wir nicht jahrelang büßen. Dass wir uns Räume erhalten können, in denen geschäftliche und werbliche Interessen nicht die Hauptrolle spielen. Dass wir E-Mail als wunderbar einfaches und ziemlich inklusives Medium nicht vergessen. Dass wir das Rumtollen und Streunen und Entdecken ohne Geräte nicht verlernen. Dass wir die mobilen Dinger auch mal ausschalten.

Die Digitalisierung verändert mein Leben durch …

Schwer zu sagen, da ich, seitdem ich aktiv versuche mich wie ein erwachsener Mensch zu benehmen (= eigenes Geld zu verdienen, die fertige Wäsche nicht mehr in der Maschine liegen zu lassen etc), nur eine digitalisierte Welt kenne. Ich habe nach meiner entschieden undigitalen Goldschmiede-Lehre nur noch berufliche Entscheidungen getroffen, die mehr oder weniger bewusst die internetliche Millionenpräsenz anderer Menschen und ihres Wissens und ihrer Wünsche mit einbeziehen.

Im Privaten fallen mir mehr Veränderungen auf. Zum Beispiel der suchtähnliche Umgang mit dem eigenen Telefon: ein Drücken, ein Blick nach unten, ein paar Fingerwische, währenddessen schnelle Blicke hoch, mit einem angedeuteten Nicken und ermutigenden Augenbrauen — red’ weiter, ich höre zu. Was nicht wahr ist. Du bist im Kopf bei einem der zahlreichen potentiell befriedigenden Angeboten deines Telefons, aber nicht bei der Person, die dir gegenübersitzt.

Außerdem das digitale Fotografieren. Was sammele ich da für einen Datenwust auf meiner Festplatte an? Wozu genau fotografiere ich inzwischen? Wie geht das in der heutigen Masse: ein Bild besonders gern haben? Wie zeige ich dieses besonders geschätzte Bild?

Wie schreibe ich im Internet wie auf gutem Papier?

Chatten mit den Enkeln, Einkaufen per Mausklick, Arbeiten ohne feste Bürozeiten. Was bringt die Digitalisierung für Familien und Ältere?

Viel praktischen Nutzen, was Kommunikationsbequemlichkeit und Selbstorganisation angeht. Den Druck, einiges neu zu lernen, auch von den eigenen Enkeln. Was vielleicht sogar eine schöne Gelegenheit ist, wieder ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig bringt es die Gefahr, die fast allen droht: als Informationssuchender hemmungslos als Zielgruppe ausgenutzt zu werden.

Die Digitalisierung bringt außerdem für jemanden, der damit noch nicht viel zu tun hatte, eine Zwangsgelegenheit zur Reflektion über sein eigenes Bild. Man muss sich darüber klar werden, was man von sich selber nach außen tragen möchte — wie man mit einer bestimmten Form von Öffentlichkeit, und wenn es nur dieses Status-Update-Profilsatz-Ding bei Skype ist, umgeht: Was schreibe ich da rein?

 

Programmieren in der Grundschule, das gesamte Faktenwissen der Welt in der Suchmaschine. Wie sollte Bildung der Zukunft aussehen?

Kinder sollten lernen zu lesen und zu schreiben. Das sind nach wie vor Wörter, über die das Internet funktioniert! Wenn du über einen Bildschirm etwas erreichen willst, solltest du mit Sprache umgehen können.

Programmieren können ist sicher sinnvoll, aber in welcher Sprache? HTML? Das ist ja genaugenommen nicht mal eine Programmiersprache. Und: wofür genau? Ist es nicht wichtiger, dass ein Kind die Prinzipien hinter HTML und Links und Suchmaschinen und Redaktionssystemen versteht, die Möglichkeit bekommt, sich bei Neugierde näher einzuarbeiten, und hauptsächlich lernt, sinnvolle oder berührende Dinge in diese kleinen leeren Textfelder hineinzuschreiben?

Wer Grundlegendes beherrscht (also seine eigenen Gefühle und Meinungen erkennen und beschreiben kann, Texte und Gefühle anderer lesen und verstehen kann, wer ein Holzkästchen selber bauen, einen Vogel zeichnen und einen Hefezopf backen kann), der wird auch das Digitale beherrschen. Und etwas zu erzählen haben.

Was die Schule noch tun kann: für viele starke bildschirmlose Momente sorgen, denn die werden auf Dauer vermutlich für einige Kinder rar.

An jedem Ort arbeiten können und ständig erreichbar sein. Was bedeutet das für Arbeit im Digitalen Zeitalter?

Dass wir unsere eigentliche Arbeit schützen müssen. Dass wir unseren Fokus schützen müssen. Dass wir lernen müssen, nicht immer erreichbar zu sein. Dass wir üben müssen, unsere E-Mails nur ein, zwei Mal am Tag abzurufen — damit wir unser tägliches Tun nicht aus dem Mailprogramm diktiert bekommen, sondern selber entscheiden, was wir erarbeiten wollen.

Und das mit von jedem Ort aus? Da sollten wir aufpassen, dass uns das nicht zu Kopf steigt. Es macht flexibler, es schafft mehr Möglichkeiten, vor allem für Familien mit Kindern oder Pflegebedürftigen oder wenn man weit draußen auf dem Land wohnt — geschenkt. Aber man muss nicht jeden neuen Blog-Artikel von einer anderen Stadt aus schreiben. Eine Zeit lang an einem Ort zu bleiben, eine Beziehung zu ihm und seinen Menschen aufzubauen, sich von ihm prägen und formen zu lassen, vielleicht sogar diesem Ort etwas zurückzugeben — das ist auch in einer digitalisierten Zeit wertvoll.

Was müssen wir im digitalen Zeitalter tun, damit unsere Wirtschaft erfolgreich bleibt?

Die Digitalisierung bietet dermaßen reiche Möglichkeiten, sich eine gesunde und gute Arbeit zu schaffen. Und zwar auch und gerade dann, wenn man die klassischen Voraussetzungen dafür nicht erfüllt: Grundkapital, Studium, dickes Netzwerk der Eltern …

Wir könnten einfach machen und das, was wir bisher in unserem Leben gelernt haben, über das Internet auf neue Art und Weise anderen zu Verfügung stellen. Und damit Geld verdienen. Junge Mütter und Väter nebenbei. Eltern nach der Kinderpause, die sich in ihrem alten Job fremd fühlen. Chronisch Kranke. Diejenigen, die unserem Arbeitssystem zu alt sind. Oder zu komisch. Studenten, Auszubildende, Kindergärtner, Demeter-Bauern. Die sogenannte Kreativwirtschaft. Jeder eigentlich. Nur bitte nicht jeder als Lifestyle-Coach.

Ich glaube, was die meisten bei diesem Vorhaben aufhält, sind nicht fehlende Informationen. Die nervige Organisation, das Anmelden und Umsetzen kriegt man mit Unterstützung der IHK und der Gründerzentren schon hin. Was wirklich fehlt, sind Vorbilder und damit der Mut, es überhaupt zu versuchen.

Wenn ich in meinem gesamten Bekanntenkreis keinen einzigen habe, der auch bereit ist, einen solchen Sprung zu wagen, wie soll ich das dann tun? Wenn ich nicht mitbekomme, wie jemand sich abmüht, die richtigen Wörter und Begriffe für ihr oder sein Geschäft zu finden, wie soll ich dann den Mut aufbringen, das alleine zu tun?

Und das Problem sind diese Details wie Formulierungen. Wenn ich im deutschsprachigen Internet nur Online-Business-Modelle finde, die erfolgreiche amerikanische Ideen bis hin zum Tonfall kopieren (1-zu-1 Coachingmodelle sind tödlich! Mach dein Ding und werde Digitalnomade! Lerne hier, wie du deinen eigenen Mitgliederbereich kreierst!) — woher bekomme ich dann Lust und Mut auf meine eigene Formulierung der Welt?

Wir brauchen eine viel größere Bandbreite an Vorbildern von Mini-Internet-Unternehmern, die sich trauen, ihre eigene Stimme zu entwickeln.

Die Digitalisierung schafft Chancen und birgt Risiken. Von der SPD erwarte ich …

Dass sie die Chancen, die das Internet all jenen bietet, die sonst aus dem Raster fallen, noch viel, viel ernster nimmt. Hier stecken konkrete Arbeits-Möglichkeiten für diejenigen drin, die keinen klassischen Bildungsweg abgeschlossen haben oder die von vorsichtigen Arbeitgebern als Risiken betrachtet werden. Hier liegt Potential einfach brach.

Dafür müsste die SPD diese Möglichkeiten sehen und feiern und fördern. Die Selbständigkeit ist kein Glück, zu dem man die Massen zwingen könnte. Aber es müsste auf fruchtbareren Boden fallen, wenn sich jemand dazu entscheidet.


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