Wie man seine Worte nutzt, Teil II

Ich habe mir endlich eine neue Brille gekauft. Was ich ewig vor mir hergeschoben hatte - allein die Vorstellung, in einem Laden voller Optionen und Spiegel zu stehen und mich darauf festlegen zu müssen, wie ich die nächsten 3? 4? 5? Jahre aussehen will, macht mir Herzrasen … Außerdem gehe ich ungern einkaufen.

Ich also mit einem gewissen inneren Horror aufgebrochen — und es war, zu meiner großen Überraschung, alles ganz leicht. In zwei unkomplizierten Besuchen war das Gestell gefunden, die Werte gemessen und das Ding bestellt.

Das lag nicht an dem High-End-Brillenladen mit seiner fantastischen Auswahl und super Messtechnik. Sondern an einem Mitarbeiter in diesem Brillenladen.

(Was mich wiederum nicht überraschte, denn es sind ja doch meistens Menschen, die unsere Erlebnisse bestimmen.)

Während dem Augenwertemessen ist es mir aufgefallen.

Ich saß vor den Buchstabenreihen, die immer kleiner und schwammiger wurden, der junge Optiker klickte Scheiben ein und drehte an Rädchen und ich hatte Angst, etwas falsch zu machen. Denn in meiner Laienvorstellung führt in einem solchen Moment ein unangebrachter Wimpernschlag, der aus einem H ein M macht, zu einem Messfehler, unter dem ich jahrelang nebulös sehen werde.

Dann, nach dem zwanzigsten „Äh — schärfer? Vielleicht?“ von mir, hörte ich den Optiker murmeln: „Mmh, mit dem Wert fühle ich mich auch wohler.“

Wie kann sich ein Optiker mit meinen Augenwerten wohlfühlen?

Ich hakte nach, und er erklärte mir, dass es einen bestimmten Abstand zwischen diesen und jenen Werten geben müsse, und der im Vergleich zu meinen alten Werten, undsoweiter — es machte jedenfalls Sinn. Was bei mir hängenblieb, war ganz großes Vertrauen. Ich hatte begriffen, dass dieser Optiker den Gesamtüberblick hat, und dass er mehr als mitdenkt: er fühlt mit.

Er hat auch sonst solide gearbeitet — die richtige Menge an beraten und selber-kucken-lassen, ein aufmerksamer, humorvoller Umgang mit mir und meinen (vielen) Begleitern, ein gutes Gespür für Brillenformen.

Aber was mich umgehauen hat? Diese Formulierungen. Von innen, aufrichtig, ernsthaft und warm. Überzeugt von seiner Arbeit und sehr geerdet darin.

Bis hin zum Kauf: „Nee, warte, ich möchte, dass in dieser Brille die besseren Gläser sind. Ich lass dir die einsetzen, zum Preis von den günstigeren. Was hältst du davon?“

Ich möchte, ich fühle — noch nie so viel Vertrauen in einen Optiker gehabt.

Auch du arbeitest mit deinen Worten.

Auch als Optiker, Bäcker, Heilpraktiker, Programmierer, Banker, Busfahrer, Grafiker, Personaler, Kraftwerksbetreiber.

Achte gut auf deine Worte, und frage dich, was sie tun. Was für ein Bild deiner Arbeitsweise sie in deinem Gegenüber wecken. Wie sie über dich reden.

Wie warm sie sind.

PS. Hier ist Teil I




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